Wie zwischenmenschliche Dynamiken über den Erfolg von Mobilitätsprojekten entscheiden
Kürzlich in einer mittelgroßen Stadt in Baden-Württemberg, Sachsen oder Hessen: Der Beteiligungsprozess zu einem Mobilitätsplan lief methodisch sauber. Die Formate waren gut gewählt, die Moderation funktionierte, alle Beteiligten kamen zu Wort. Das Konzept ist auf der Zielgeraden. Doch dann hakt es beim Ergebnis: Die Vorlage wird im Gemeinderat kontrovers diskutiert. Ein Ergebnis, an dem alle Fraktionen mitgearbeitet haben, das öffentlich diskutiert wurde und auf sorgfältig abgewogenen Kompromissen beruht: plötzlich nicht mehr tragfähig, der Beschluss wird vertagt.
Wenn so etwas geschieht, liegt es selten an der Methodik. Es liegt daran, dass unter dem, was sichtbar ist, noch mehr geschieht – auf der Ebene der Rollen, Erwartungen und Beziehungen.
Ein Prozess, zwei Bühnen
Das Bild von Vorder- und Hinterbühne geht auf den Soziologen Erving Goffman zurück. Die Vorderbühne beschreibt das für alle sichtbare Geschehen: Alle Beteiligten wissen, dass sie beobachtet werden, und halten sich an die vorgesehenen Regeln von Anstand und Höflichkeit. Die Hinterbühne dagegen ist nur für Beteiligte und Eingeweihte zugänglich. Hier zeigt sich schnell, dass Rollenträger:innen nicht immer in ihrer Rolle bleiben. Sie stehen sich menschlich unterschiedlich nah, empfinden Sympathie oder Abneigung, agieren freier und sprechen offener miteinander, als in anderen Kontexten. Für den Verlauf und das Ergebnis von Prozessen sind beide Ebenen von wesentlicher Bedeutung, aber nur eine ist einsehbar.
Goffmans Modell deckt sich weitgehend mit dem, was in der Organisationsdynamik als formelles und informelles System bezeichnet wird: Neben jedem formellen System bildet sich in Gruppen unweigerlich ein informelles System, weil das menschliche Bedürfnis nach Kommunikation und Beziehung nicht abgeschaltet werden kann. Beide Systeme existieren parallel und beeinflussen sich gegenseitig.
Auch für Mobilitätsprojekte heißt das: Wer nur die Vorderbühne im Blick hat, sieht womöglich nicht, warum ein Prozess ins Stocken gerät.
Drei Dynamiken, die Mobilitätsprojekte besonders betreffen
I. Rollenerwartungen kollidieren. An Bürgermeister:in, Gemeinderat, Verwaltung und Bürgerschaft werden zahlreiche, teils konkurrierende Erwartungen gerichtet – manche ausgesprochen, manche unausgesprochen, aber alle mit Auswirkung auf das Handeln der Beteiligten. Das zeigt sich z.B. an den Mitgliedern des Gemeinderats: Oft erwarten Bürger:innen von ihren individuell gewählten Vertreter:innen im Gemeinderat ein Handeln, das sich ausschließlich an der persönlichen Überzeugung orientiert. Anderseits sind Gemeinderät:innen dazu verpflichtet, im Sinne aller Bürger:innen zu handeln, und um Mehrheiten zu finden, sind sie darüber hinaus häufig auf Kompromisse angewiesen. Die Toleranz für das Schließen solcher Kompromisse ist je nach Thema sehr unterschiedlich – insbesondere bei Mobilitätsprojekten, die oft die unmittelbare Umgebung sowie alltägliche Gewohnheiten betreffen.
II. Nicht alle wissen alles. Die Verwaltung stößt Projekte an und verfasst Vorlagen, auf deren Basis der Gemeinderat entscheidet. Jede Entscheidungsvorlage, die dem Gemeinderat übermittelt wird, ist bereits durch den Verwaltungsapparat gegangen – die Verwaltung hat dadurch einen Informationsvorsprung. Das ist dem System inhärent und notwendig, kann aber dennoch zu Spannungen führen – z.B. wenn der Eindruck entsteht, dass ein zu großer Teil des Entscheidungs- und Willensbildungsprozesses bereits innerhalb der Verwaltung abgelaufen ist. Für Beteiligung bedeutet das: Ein fairer Prozess entsteht nicht allein durch gute Formate, sondern auch durch bewusst gestaltete Information.
III. Der Gemeinderat ist auch eine Bühne Die Beteiligten in der Kommunalpolitik treffen ihre Entscheidungen häufig vor Publikum: vor den anderen Gremienmitgliedern und vor der Öffentlichkeit. Reaktionen – egal ob positiv oder negativ, persönlich oder über die Presse – erreichen sie quasi in Echtzeit. Deshalb ist es für sie von Bedeutung, unbeschädigt aus Situationen der Uneinigkeit herauszukommen. Auch wenn inhaltlich wenig auf dem Spiel steht, kann dieser Aspekt bei kontrovers bzw. emotional diskutierten Themen wesentlich sein. Das kann erklären, warum inhaltlich vermeintlich kleinere oder bereits mit viel Vorlauf besprochene Themen manchmal unerwartet hitzig verhandelt werden.
Worauf wir in Projekten achten
Es kann passieren, dass Prozesse trotz guter Methodik nicht auf dem gewünschten Weg zum Ziel führen. Ein Beteiligungsprozess, der nur Formate liefert, adressiert die Vorderbühne. Ein Prozess, der solche Dynamiken mitdenkt, erhöht die Chance, dass ein Ergebnis am Ende auch trägt.
- Wir versuchen früh zu verstehen, welche informellen Beziehungen und Erwartungen in Organisationen und Arbeitsgremien bereits bestehen.
- Wir gestalten Informationsflüsse zwischen Verwaltung, Politik und Öffentlichkeit bewusst, statt sie dem Zufall zu überlassen.
- Wir achten auf Momente, in denen es nicht mehr um Inhalte geht – und reagieren entsprechend.
Gute Beteiligung braucht mehr als nur Formate. Sie braucht ein Verständnis dafür, wie Menschen und Organisationen wirklich funktionieren.
